Hilfe nach dem Scheitern (Interview)

Im Interview mit dem Magazin „exakt“ erklärt Oliver Reetz das Geschäftsmodell der Firmenretter und gewährt einen Blick hinter die Kulissen einer Unternehmenssanierung.

Können kleinere Unternehmen trotz Pleite eine Zukunft haben? Oliver Reetz hat aus dieser Frage ein Geschäftsmodell gemacht. Seit 17 Jahren hilft er, mit der Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft Einstein14 Gastronomie- aber auch Tischlerbetriebe nach der Insolvenz wieder auf die Beine zu bringen. Die „exakt“ sprach mit ihm über unternehmerische Fehlentscheidungen, Mut zur Bilanzierung und rettende Auswege.

exakt: Herr Reetz, wie kamen Sie auf die Idee, „Firmenretter“ zu werden?

Oliver Reetz: Die Idee des Firmenretters ist im Grunde im Gespräch mit einem Freund entstanden, der eine Kanzlei für Insolvenzrecht betreibt. Immer wieder kam es in seiner anwaltlichen Praxis gerade bei kleinen Unternehmen dazu, dass diese im Rahmen der Insolvenz vollständig zerschlagen wurden, da es schlicht am Fortführungskonzept mit all seinen Facetten – von der Eigentümerfrage bis zur Liquidität – fehlt.

Mit der Zerschlagung wurden aber eben auch Werte vernichtet, die in einer vernünftigen Auffanglösung, die es für größere Gesellschaften ja in vielerlei Form gibt, erhalten werden können. Dies betrifft nicht nur die Arbeitsplätze von Unternehmer und Mitarbeitern sondern natürlich auch über Jahre gewachsenes Know-How, Kundenbeziehungen, den erarbeiteten Namen am Markt und vieles mehr.

exakt: Wer wendet sich an Sie?

Reetz: Wir betreiben unser Sanierungsmodell in seiner jetzigen Form nun schon seit fast zwei Jahrzehnten und haben uns in dieser Zeit bei vielen Insolvenzverwaltern und Fachanwälten einen Namen erarbeitet. Von hier bekommen wir immer wieder Kontakte zu Unternehmen, für die unser Modell in Frage kommen kann.

Es wenden sich aber mittlerweile auch Unternehmer in Schwierigkeiten direkt an uns, wenn Sie etwa übers Internet auf unser Angebot stoßen. Inhaltlich haben wir es im Grunde mit einem Querschnitt durch alle Handels-, Handwerks- und Dienstleistungsbereiche zu tun. Es melden sich Freiberufler ebenso wie Handwerksunternehmen, Gastronomen oder Transporteure bei uns.

exakt: Woran hapert es bei den Betrieben, mit denen Sie es zu tun bekommen?

Reetz: Häufig ist es eine Mischung unterschiedlicher Gründe, meist über einen langen Zeitraum angehäuft, die schlussendlich zu einer Situation führen, in der es keinen Ausweg für das Unternehmen mehr zu geben scheint. In fast allen Unternehmen dieser Größenordnung spielen unternehmerische Fehlentscheidungen und mangelndes Controlling eine wichtige Rolle in dieser Mischung.

Regelmäßig berichten mir Unternehmer darüber, dass sie vom Tagesgeschäft so in Anspruch genommen wurden, dass „der Papierkram“ später oder gar nicht erledigt wurde. Natürlich gibt es darüber hinaus auch weitere, immer wiederkehrende Gründe wie Zahlungsausfälle bei Kunden, saisonale bedingte Umsatzschwankungen, mangelnde Liquidität oder Probleme mit Mitarbeitern.

exakt: Wie funktioniert Ihr „Rettungsmodell“?

Reetz: Der Einstieg richtet sich natürlich nach der konkreten Situation, in der das Unternehmen sich zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme mit uns befindet. Häufig ist es so, dass Unternehmen kurz vor der Insolvenz stehen oder bereits Insolvenz angemeldet haben. In diesem Fall gründen wir in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmer und der Belegschaft sowie dem ( vorläufigen ) Insolvenzverwalter eine Betriebsgesellschaft eigens für die Rettung dieses Unternehmens.

Diese Betriebsgesellschaft wird von uns mit ausreichend Kapital ausgestattet, damit sie alle notwendigen Assets ( Betriebsmittel und Anlagevermögen ) für einen Fortbetrieb des Unternehmens aus der Insolvenzmasse erwerben kann. Alle sonstigen Voraussetzungen für einen möglichst reibungslosen Übergang des Geschäftsbetriebs in die neue Gesellschaft werden von uns geschaffen. Die Mitarbeiter sowie der bisherige Unternehmer werden in der neuen Gesellschaft angestellt und können – im Idealfall ohne Unterbrechung – in der Betriebsgesellschaft weiter ihre Kunden bedienen.

Die Firmenretter kümmern sich um die Buchhaltung, das Controlling, stehen für Beratung z.B. bei Investitions- oder Personalentscheidungen zur Seite, helfen in Einzelfällen mit Liquiditätsüberbrückung und vieles mehr. Zusammengefasst sind wir im Rahmen der Unternehmenssanierung sowohl Kontrollinstanz als auch Sparring-Partner für die Unternehmer und stehen jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung. Aufgrund der Vielzahl an Unternehmen in unserer Unternehmensgruppe finden sich auch immer wieder Synergie-Effekte zwischen den Unternehmen, von denen diese häufig gegenseitig profitieren.

exakt: Sie tun das ja nicht aus reiner Menschenliebe. Wie profitieren Sie von einer gelingenden Sanierung?

Reetz: Wir führen zunächst ein kostenfreies Erstgespräch, häufig telefonisch, gelegentlich auch im Unternehmen vor Ort. Auf Basis dieses Erstgesprächs sowie der – ebenfalls kostenfreien – Analyse der Zahlen treffen wir für uns und die Unternehmer für sich die Entscheidung für oder gegen eine Zusammenarbeit. Sollten wir uns für eine Firmenrettung entscheiden, sind die vorbereitenden Maßnahmen für die Übernahme sowie die Übernahme selbst ebenfalls kostenfrei.

Wenn der Betrieb dann in der neuen Betriebsgesellschaft arbeitet, vereinbaren wir mit dem Unternehmer einen monatlichen Pauschalbetrag, der aus dem laufenden Geschäft heraus erwirtschaftet werden muss und an uns fließt. Die Höhe dieses Betrages richtet sich nach dem Umsatz und der anfallenden Arbeit. Da wir – auch aus Eigennutz – ein Interesse an einer langfristig bestehenden Partnerschaft haben, ist die monatliche Pauschale in ihrer Höhe natürlich auch so gewählt, dass sie die Existenz des neuen Unternehmens nicht erneut gefährdet und alle anderen Kosten des Betriebes ebenfalls beglichen werden können.

exakt: Sie haben auch schon Tischlereien wieder zum Laufen gebracht. Können Sie von einem Beispiel erzählen?

Reetz: Wir haben schon seit Jahren eine Tischlerei in unserer Unternehmensgruppe, aktuell prüfen wir gerade einen weiteren Betrieb aus Norddeutschland. Der bestehende Fall hatte sich seinerzeit mit den Erweiterungsplänen des Tischlereibetriebes überhoben. Nachdem es dann zusätzlich zu Zahlungsausfällen bei einem wichtigen Kunden kam, konnten die Darlehn und der Kontokorrent nicht mehr regelmäßig bedient werden und die Bank hat beides gekündigt.

Damit steckte das Unternehmen mit fünf Mitarbeitern trotz guter Auftragslage in der Liquiditätsklemme und musste Insolvenz anmelden. Der Betrieb läuft seit einigen Jahren erfolgreich bei den Firmenrettern in der Betriebsgesellschaft und schreibt heute schwarze Zahlen.

exakt: Braucht es aus Ihrer Sicht Mut, sich sein Scheitern einzugestehen? Und ist das wichtig, wenn man einen Ausweg aus der Misere finden will?

Reetz: Ja, sowohl sich selbst als auch seinem (sozialen) Umfeld gegenüber. In diesem Zusammenhang wäre es natürlich hilfreich, wenn Unternehmer früher den Weg zu uns fänden, da die Unternehmenssanierung desto einfacher und erfolgversprechender ist, je früher man damit beginnt. Aber aus den vielen Gesprächen der letzten Jahre weiß ich, dass es eben oft ein langwieriger und auch schmerzhafter Prozess ist, sich sein Scheitern einzugestehen.

In anderen Ländern wird dies anders gelebt, man legt den Fokus mehr auf den Neuanfang. Glücklicherweise findet auch in Deutschland hier langsam ein Kulturwandel in diese Richtung statt – dies wird auch dazu führen, dass es für die Unternehmer leichter wird, sich selbst und ihrem sozialen Umfeld gegenüber ihr Scheitern einzugestehen und dann neu zu beginnen.

Quelle: „exakt: Einrichten – Ausbauen – Modernisieren“ (Print-Ausgabe Juni/Juli 2017, 24. Jahrgang, Seite 52/53)



 

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