Aufgetischt! Interview mit Oliver Reetz (Firmenretter)

‚AUFGETISCHT!‘ interviewt den Firmenretter

klüger consulting hat sich auf die Beratung von Start-Ups spezialisiert und berichtet in einem Blog regelmäßig über Themen, die Unternehmensgründer beschäftigen – insbesondere aus der Gastro- und Food-Branche. Da nicht alle Gründungen reibungslos verlaufen, gehört in einigen Fälle auch die handfeste Krise dazu. Aus diesem Grunde hat Ralf Klümper, Inhaber von klüger consulting, unserem Geschäftsführer Oliver Reetz viele kluge Fragen gestellt.

‚Aufgetischt!‘ hat übrigens auch eine eigene Facebook-Seite.

Nun aber viel Spaß mit dem ausführlichen Interview (Quelle: http://klueger-consulting.de/blogs/tante-emma-onkel-online/)

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AUFGETISCHT!: Bei den Gründern, die ich begleite, ist die Phase vor der Eröffnung meist die motivierteste und euphorischste. Wann beginnt es nach Ihrer Erfahrung am ehesten zu kriseln? Und was sind die Ursachen?

Die meisten Unternehmen, die mit uns Kontakt suchen, sind bereits seit Jahren am Markt und fest etabliert. Grundsätzlich kann eine Krise natürlich auch schon kurz nach der Eröffnung eintreten, allerdings liegt das dann häufig daran, dass die Unternehmer von falschen Voraussetzungen in der Planung ausgegangen sind, zu wenig Liquidität – auch für den eigenen Lebensunterhalt in der Gründungs- und Aufbauphase – zur Verfügung haben oder das Geschäftsmodell eben einfach nicht trägt. In diesen Fällen können wir keine Hilfe anbieten. Vielfach ist es bei den Unternehmen, die den Weg zu den Firmenrettern finden und nach einer Sanierungsmöglichkeit suchen, bereits seit langer Zeit kritisch. Unternehmer, die ihr Unternehmen über Jahre oder Jahrzehnte geführt haben, oft zu Lasten ihrer Freizeit und ihres sozialen Umfelds, versuchen alles, um die Krise selbständig zu meistern.

Die Ursachen sind vielfältig: meist ist es eine Mischung unterschiedlicher Gründe, oft über einen langen Zeitraum angehäuft, die schlussendlich zu einer Situation führen, in der es keinen Ausweg für das Unternehmen mehr zu geben scheint. In fast allen Unternehmen dieser Größenordnung spielen unternehmerische Fehlentscheidungen und – ebenfalls fast immer – mangelndes Controlling eine wichtige Rolle in dieser Mischung. Regelmäßig berichten mir Unternehmer schon im Erstgespräch darüber, dass sie vom Tagesgeschäft so in Anspruch genommen wurden, dass „der Papierkram“ später oder gar nicht erledigt wurde. Natürlich gibt es darüber hinaus auch weitere, immer wiederkehrende Gründe wie Zahlungsausfälle bei Kunden, saisonale bedingte Umsatzschwankungen, mangelnde Liquidität oder Probleme mit Mitarbeitern.

Wie kamen Sie auf die Idee der Firmenrettung?

Die Idee des Firmenretters ist im Grunde im Gespräch mit einem guten Freund entstanden, der eine große Kanzlei für Insolvenzrecht betreibt. Immer wieder kam es in seiner anwaltlichen Praxis gerade bei kleinen Unternehmen dazu, dass diese im Rahmen der Insolvenz vollständig zerschlagen wurden, da es schlicht am Fortführungskonzept mit all seinen Facetten – von der Eigentümerfrage bis zur Liquidität – fehlt. Mit der Zerschlagung wurden aber eben auch Werte vernichtet, die in einer vernünftigen Auffanglösung, die es für größere Gesellschaften ja in vielerlei Form gibt, erhalten werden können. Dies betrifft nicht nur die Arbeitsplätze von Unternehmer und Mitarbeitern, sondern natürlich auch über Jahre gewachsenes Know-How, Kundenbeziehungen, den erarbeiteten Namen am Markt und vieles mehr.

Wann sollte ein Unternehmen auf Sie zukommen, um noch gute Chancen auf eine Rettung zu haben? Oder anders: Wann kann es ein Unternehmen aus eigener Kraft nicht mehr schaffen?

Grundsätzlich gilt: je früher desto besser, weil die Handlungsmöglichkeiten der Unternehmenssanierung schlicht am Anfang einer Krise wesentlich umfangreicher sind als in einer sehr zugespitzten Lage. Wenn die Unternehmer erkennen, dass sich eine Krise anbahnt und bereit sind, sich durch externe Expertise, z.B. durch die Firmenretter, helfen zu lassen, gelingt häufig auch eine Sanierung ohne Insolvenz. Da wir aber auch viele Unternehmen aus der Insolvenz heraus retten, ist es für unser Modell eigentlich nie zu spät.

Welche Grundlagen muss ein Unternehmen erfüllen, damit Sie übernehmen können?

Wir prüfen drei Grundvoraussetzungen:

1. Hat der Unternehmer trotz oft langwieriger und kraftzehrender Krisensituation noch die Kraft und den Willen zum Weiterführen seines Unternehmens? Diese Voraussetzung prüfen wir in intensiven Gesprächen mit dem Unternehmer und der Belegschaft. Da unser Modell den Unternehmer unterstützt und nicht ersetzt, sind wir auf seine volle Leistungsfähigkeit und seinen Willen zum Weitermachen angewiesen. Nur gemeinsam kann eine Firmensanierung erfolgreich sein.

2. Ist das Geschäft grundsätzlich tragfähig, d.h. erwirtschaftet es nach Abschneiden der Altverbindlichkeiten mindestens eine schwarze Null?

3. Was sind die Krisengründe? Liegen strukturelle Probleme vor, können wir nicht helfen. Ein Beispiel: Immer wieder bekommen wir Anfragen von Buchhandlungen, die oft sehr liebevoll und qualitativ hochwertig ausgestattet und geführt werden. Nun hat sich der Buchmarkt aber in den letzten Jahren durch eBooks, Amazon, etc. sehr stark verändert und es gibt häufig nicht mehr genug Nachfrage, um einen Buchhandel profitabel zu führen. In solchen Fällen können wir leider auch nicht helfen.

Was ist das Besondere an Ihrem Modell? Denn auch ein Insolvenzverwalter sollte im Normalfall nicht vorrangig die Abwicklung bzw. Zerschlagung des Unternehmens zum Ziel haben…

Die vorrangige Aufgabe des Insolvenzverwalters ist es, die Insolvenzmasse zu mehren und die Gläubiger mit einer maximalen Quote zu befriedigen. Natürlich wird er – wenn es möglich ist und dem vorrangigen Ziel nicht entgegensteht – auch nach einer Fortführungslösung für das Unternehmen und einer Weiterbeschäftigungsmöglichkeit der Mitarbeiter suchen. Dies kann und wird aber in der Regel nicht im Rahmen der Insolvenzverwaltung erfolgen, daher sind Sanierungslösungen wie unsere notwendig.

Wie eng arbeiten Sie mit dem Insolvenzverwalter zusammen? Wie funktioniert die Aufgabenteilung?

Der Insolvenzverwalter ist Herr des Verfahrens und regelt alle insolvenzrechtlichen Thematiken. Wir bekunden nach Absprache mit dem Unternehmen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt dem Insolvenzverwalter gegenüber Interesse am Erwerb und der Fortführung des Unternehmens. Je nach Art des Verfahrens begleiten wir dann das Unternehmen in Abstimmung mit dem Insolvenzverwalter während der vorläufigen Insolvenz / Begutachtung und Erwerben dann nach Eröffnung des Verfahrens alle notwendigen Assets, materiell und immateriell, zu einem fairen und auch für die Gläubiger vorteilhaften Kaufpreis aus der Insolvenzmasse.

Kann ein Insolvenzverwalter die Zusammenarbeit mit Ihnen auch ablehnen? Wie funktioniert diese Abstimmung?

Grundsätzlich kann der Insolvenzverwalter frei entscheiden, ob er mit uns zusammenarbeitet und die Assets an uns veräußert oder das Unternehmen in seine Einzelteile zerschlägt und diese veräußert. Da er jedoch kein Interesse an einer Zerschlagung hat und unser Angebot so ausgearbeitet ist, dass es die Insolvenzmasse finanziell besser stellt als eine Zerschlagung, haben wir einen solchen Fall bisher noch nicht erlebt.

Warum heißt Ihre Beteiligungsgesellschaft „Einstein14“?

(schmunzelt) Weil sie vor vielen Jahren mal in der Einsteinstraße 14 in Berlin gegründet wurde.

Behält ein Unternehmen seinen Namen oder heißt es nach Ihrer Übernahme anders? Treten Sie den Gästen gegenüber überhaupt in Erscheinung?

In den meisten Fällen behalten die Unternehmen ihren bisherigen Namen, oft mit dem Zusatz der entsprechenden Rechtsform (GmbH, UG). Unser Ziel ist es, die Übernahme nach außen so geräuschlos wie möglich zu gestalten, um die Gäste / Kunden nicht zu verunsichern. Insofern versuchen wir immer, Namen, Telefonnummern, Homepage, etc. ohne Unterbrechung in die neue Firma zu integrieren. Wir treten Kunden oder Gästen gegenüber nie in Erscheinung. Gelegentlich ist es notwendig, dass wir als neue Inhaber des Geschäfts Verhandlungen mit Lieferanten persönlich führen müssen, ansonsten halten wir uns aus dem Tagesgeschäft vollständig heraus.

Ist die Gastronomie besonders häufig von Insolvenzen betroffen? Wie ist die Entwicklung in den letzten 16 Jahren gewesen, seitdem Sie Firmen retten?

Eigentlich kann man das nicht sagen – die Anfragen kommen seit Anbeginn relativ verteilt über alle Branchen. Im Einzelhandel ist über die Jahre schon festzustellen, dass die Entwicklung heraus aus den Innenstädten und hin zum Online-Einkauf für viele Einzelhändler mit Innenstadtlagen zunehmend zum Umsatzproblem wird.

Sie haben bereits über 250 Unternehmen betreut und davon haben sich mehr als 95% nach einem Jahr wieder stabilisiert. Wie viele Gastronomien haben Sie schon retten können? Und bei wie vielen hat es leider nicht mehr gereicht?

Über die genauen Zahlen führen wir nicht Buch, allerdings sind es sicher mindestens je eine Handvoll Gastronomien sowie Einzelhandelsgeschäfte gewesen. Unsere Ausfallquote ist sehr gering, da wir neben einer intensive Vorauswahl auch ein stringentes Controlling durchführen. Nach meiner Erinnerung hatten wir in den beiden Branchen in den letzten Jahren keine Ausfälle.

Controllen Sie nur die betriebswirtschaftlichen Daten oder greifen Sie auch finanziell ein, in dem Sie in Vorlage gehen? Geben Sie also quasi auch Überbrückungskredite? Woher stammt das Geld?

In Einzelfällen geben wir auch Liquiditätsüberbrückungen, wenn diese gesichert sind. Dies kann zum Beispiel im Fall einer Vorfinanzierung von Materialien für einen größeren Auftrag sein, bei dem die Rechnung erst nach Abschluss gestellt werden kann und bezahlt wird. Und wir übernehmen natürlich im Rahmen eines Darlehns den Kaufpreis für die Assets, die wir für die Unternehmensfortführung benötigen. Wichtig dabei ist, dass wir keine Anschubfinanzierungen oder Vergleichbares leisten, das Unternehmen muss vom ersten Tag an seine Kosten decken können. Das Geld stammt zu 100% aus Mitteln unserer Unternehmensgruppe sowie von mit uns verbundenen Investoren, es gibt keine institutionellen Gelder, z.B. von Banken.

Welche Kosten fallen bei Ihrer Unterstützung für die übernommenen Unternehmen an? Können diese die zusätzlichen Kosten überhaupt schultern?

Unser gemeinsames Ziel ist es, das Unternehmen möglichst langfristig stabil und profitabel zu führen. Nur in diesem Fall haben die Mitarbeiter Arbeitsplatzsicherheit, die Unternehmer die Sicherheit, dass Ihr Unternehmen wirklich gerettet ist und wir die Möglichkeit, durch monatliche Beratungsrechnungen wiederum unsere Rechnungen bezahlen zu können. Insofern ist unser Interesse gleichlaufend und unsere Beratungsrechnungen werden an die Leistungsfähigkeit des Unternehmens angepasst. Es ergibt keinen Sinn, wenn wir mit unseren Kosten das Unternehmen so belasten, dass eine weitere Krise droht. Die genaue Höhe unserer monatlichen Leistungen hängt also vom Unternehmen, vom Umsatz sowie von der tatsächlich zu leistenden Arbeit ab. Da wir für alle unsere Unternehmen auch die Buchhaltung, Lohnbuchhaltung und Steuern erledigen, fällt diese Kostenposition für das neue Unternehmen weg. Um dennoch eine Zahl zu nennen: unsere Leistungen fangen bei kleinen Unternehmen mit wenig Beratungsaufwand bei etwa € 500,00 pro Monat an. Zieht man hiervon die bisher geleisteten Zahlungen an den Steuerberater ab, bleibt ein Betrag übrig, den sich jedes laufende Unternehmen leisten kann, ohne dadurch erneut in eine Krise zu geraten.

Wann können die übernommenen Unternehmen wieder eigenständig weitermachen? Wann kann die Rücküberführung erfolgen?

Die Rückübertragung kann von unserer Seite jederzeit erfolgen. Hierbei sind jedoch neben rechtlichen auch steuerliche Aspekte zu berücksichtigen, die sich immer auf den Einzelfall beziehen. Insofern ist eine pauschale Antwort nicht möglich. Grundsätzlich gilt jedoch: möchte ein Unternehmer sein Unternehmen wieder in Eigenregie weiterführen, ermöglichen wir ihm das auch im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten.

In welcher der vier Phasen (1. Erstberatung, 2. Übertragung, 3. Betreuung, 4. Rückübertragung) gibt es die größten Schwierigkeiten? Welche sind dies?

Die Erstberatungen und das anschließende Prüfen der Unterlagen ist sicher der Teil, in dem die meisten Fehler gemacht werden können. Hier müssen wir schauen, dass wir wirklich ein vollständiges Bild vom Unternehmer, dem Unternehmen sowie den Gründen für die Krise bekommen.
In der Übertragung geht es viel um Formales, hier haben wir inzwischen ausreichend Routinen, dass dieser Teil meist ohne größere Schwierigkeiten abgeschlossen werden kann.

In der Betreuung habe ich in den vielen Jahren meiner Tätigkeit als Firmenretter schon so ziemlich alles an Schwierigkeiten erlebt, was im menschlichen wie auch im unternehmerischen Bereich denkbar ist. Die Herausforderungen sind sehr vielfältig und täglich neu – übrigens der Grund, warum ich meine Tätigkeit bis heute mit viel Leidenschaft und Freude ausübe.

Was kann Sie in der Betreuung Ihrer Mandanten richtig wütend machen? Wann sind Sie glücklich?

Ärgerlich ist, wenn Mandanten Hilfe suchen, diese von uns bekommen und dann nicht annehmen. Beratung lebt davon, dass der Hilfesuchende auch bereit ist, den Rat anzunehmen und umzusetzen. Leute, die ohnehin alles besser wissen oder nicht bereit für Veränderungen sind, stehlen uns unsere Zeit und verhindern damit die Rettung anderer – gewillter – Unternehmer.

Über jede gelungene Rettung freue ich mich auch persönlich, da sich im Laufe der Zusammenarbeit natürlich auch ein persönlicher Kontakt zu dem Unternehmer und den Mitarbeitern entwickelt. Oft habe ich es in Erstgespräche mit sehr niedergeschlagenen und hoffnungslosen Menschen zu tun. Wenn wir dies in der gemeinsamen Arbeit in etwas Positives wandeln können, haben wir unsere Sache gut gemacht und wir sind zufrieden.

Vielen Dank, Herr Reetz, für das ausführliche und aufschlussreiche Gespräch.



 

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